“Eishockey ist wie Politik”

Da Neue Luzerner Zeitung – Kari Kälin.

Als Hockeyspieler stiess er rasch an seine Grenzen. Dafür kommt Norman Gobbi vielleicht bald zu Bundesratsweihen. Der Tessiner erklärt, weshalb dies für seinen Kanton so wichtig wäre.

Norman Gobbi, Sie spielten bei den Junioren des Hockeyclubs Ambrì-Piotta …

Norman Gobbi: … ohne grossen sportlichen Erfolg. Mein Bruder Egon hingegen wurde Schweizer Meister bei den Elite- Junioren. Und mein Cousin John Gobbi ist heute Captain des HC Lausanne.

Haben Sie als Kind davon geträumt, in der Valascia vor vollen Rängen als Ambri-Spieler aufzulaufen?

Gobbi: Das tut jedes Kind, das in der Leventina mit Eishockey beginnt. Ich wusste schon früh, dass ich kein grosser Hockeyspieler würde. Ich habe mich deshalb an anderen Fronten engagiert.

Nämlich?

Gobbi: In verschiedenen Vereinen. Ich habe zum Beispiel als 16-Jähriger Risotto für den Fasnachtsverein gekocht oder engagierte mich in Turn- und Schützenvereinen. Mit 14 Jahren wurde ich Hockeyschiedsrichter. Davon habe ich stark profitiert. Ich musste mich schon als Teenager gegen erwachsene Spieler behaupten und lernte nebenbei Deutsch.

Helfen Eigenschaften aus dem Eishockey für Ihre jetzige Tätigkeit?

Gobbi: Eishockey ist ein bisschen wie die Politik. Wenn man politische Bodychecks austeilen will, muss man auch Kritik einstecken können. Das ist Teil des Spiels.

Für die Bundesratswahlen vom übernächsten Mittwoch, quasi die Playoffs, tragen Sie nun plötzlich ein SVPTrikot. War das die Idee der SVP Schweiz, oder haben Sie Toni Brunner angerufen und sich selber ins Spiel gebracht?

Gobbi: Die SVP Schweiz hat mich kontaktiert. Es half sicher, dass ich 2010 ein Jahr als Lega-Nationalrat der SVP-Fraktion angehörte. Die SVP weiss, dass ich ihre Werte –Unabhängigkeit, Freiheit und Sicherheit – teile. Die Lega dei Ticinesi und die SVP haben sich auf meine Bundesratskandidatur verständigt.

Ist Ihr Transfer zur SVP zwecks Förderung der eigenen politischen Karriere nicht ganz einfach opportunistisch?

Gobbi: Wenn ich in Schwyz anstatt Faidogeboren worden wäre, in welcher Partei wäre ich wohl? Natürlich in der SVP. Damit erübrigt sich Ihre Frage. Ich bin der Lega beigetreten, weil sie 1992 als einzige politische Formation im Kanton Tessin den Beitritt zum EWR ablehnte.

Wollten Sie schon immer Bundesrat werden?

Gobbi: Als Kind wollte ich Koch oder Diplomat werden. Ich habe mich aber schon früh auf verschiedene Art für das Gemeinwohl eingesetzt. Ich verstehe es als Aufgabe, mich für die Gemeinschaft einzusetzen. In der Schweiz sind die Bürger der Staat, der Staat ist den Bürgern nicht fremd. Dieses Motto habe ich verinnerlicht.

Die Lega-Zeitung «Mattino della Domenica» hat Sie schon in Superman-Kleidern («SuperNorman») auf der Frontseite präsentiert, während sie zum Beispiel Bundesräte scharf attackiert. Der Nachname von Eveline Widmer-Schlumpf wird wörtlich übersetzt («Widmer-Puffo»). Ihr Kommentar?

Gobbi: Das gefällt mir nicht. Das widerspiegelt nicht meinen Kommunikationsstil. Ich werde ennet des Gotthards geschätzt,weil ich klare Positionen vertrete, durchaus harte Kritik formuliere, dies aber mit Respekt mache und letztlich pragmatisch nach Lösungen suche.

Weshalb sollte der nächste Bundesrat aus der italienischen Schweiz sein?

Gobbi: Sie nimmt eine Scharnierfunktion zwischen der Deutschund Westschweiz ein. Zudem steht in der Bundesverfassung geschrieben, dass die Sprachregionen und Landesteile angemessen in der Landesregierung vertreten sein sollten. Die Schweiz hat seit 16 Jahren keinen Tessiner Bundesrat mehr – so lange wie nie mehr seit dem 19. Jahrhundert. Es darf keine Selbstverständlichkeit werden, dass die italienische Schweiz nicht im Bundesrat repräsentiert ist. Die Tessiner sind begeisterte Schweizer. Aber ab und zu muss dieses Feuer neu entfacht werden.

Was könnten Sie als Bundesrat für den Kanton Tessin konkret herausholen?

Gobbi: In den letzten zwei Jahren sind immer wieder Bundesräte ins Tessin gereist, um den Kanton zu verstehen. Ich könnte die Positionen des Kantons Tessin und dessen Besonderheiten direkt einbringen. Der Kanton grenzt an die Lombardei mit zehn Millionen Einwohnern. Jeder vierte Arbeitnehmer ist ein Grenzgänger. An der Südgrenze herrscht seit langem grosser Migrationsdruck. Wir kämpfen mit Lohndumping. Der Kanton Tessin ist eine Art Warnlampe, der Entwicklungen vorwegnimmt, mit denen später auch andere Landesteile konfrontiert sind. Von dieser Erfahrung könnte der Bundesrat profitieren.

Die Zentralschweiz hatte, gemessen an der Bevölkerung, so wenige Bundesräte wie keine andere Region. Hätten wir es nicht auch wieder einmal verdient?

Gobbi: Das muss die Vereinigte Bundesversammlung entscheiden. Als Oberleventiner liegt mir die Gotthardregion und damit die Zentralschweiz am Herzen. Fans aus Uri, Schwyz und Ob- und Nidwalden sowie Luzern besuchen Hockeyspiele von Ambrì-Piotta.

Sie wären also auch ein bisschen ein Zentralschweizer Bundesrat?

Gobbi: Mit ein bisschen gutem Willen vielleicht ja. Ich wohne in Airolo. Altdorf erreiche ich mit dem Auto in 45 Minuten. Für Bellinzona brauche ich nicht weniger lang.

Im Kanton Tessin erfahren Sie viel Unterstützung, sind aber für viele linke Wähler auch ein rotes Tuch. Und der ehemalige Staatsanwalt Paolo Bernasconi hat Sie als Schande für das Tessin bezeichnet, weil Sie die Konfrontation anstatt den Konsens suchen würden.

Gobbi: Im Frühling wurde ich mit brillanten 73 540 Stimmen als Regierungsrat bestätigt. Die Regierung und der Kantonsrat, auch Vertreter linker Parteien, unterstützen mich. Auf der Strasse drücken mir viele Bürger die Daumen. Ein bisschen Kritik ist Teil des politischen Spiels. Ob man jemanden als konfrontativ bezeichnet oder nicht, hängt vom politischen Standpunkt ab. Unter dem Strich politisiere ich lösungsorientiert.

Sie verlangen Strafregisterauszüge für Ausländer, die eine Aufenthalts- oder eine Grenzgängerbewilligung beantragen. Damit gehen Sie auf Konfrontationskurs mit Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP), die Sie für diesen Schritt gerüffelt hat. Können Sie sich vorstellen, mit ihr gut zusammenzuarbeiten?

Gobbi: Ich interpretiere diese Geschichte nicht so. Es handelt sich um eine Polizeimassnahme, die der Sicherheit dient. Und Sicherheit ist nicht eine Selbstverständlichkeit. Bundespräsidentin Sommaruga hat nach den Angriffen in Paris gesagt, Sicherheit sei ein hohes Gut, vielleicht sogar das höchste Gut, ohne Sicherheit werde alles schwierig. Da habe ich nichts hinzuzufügen.

Sprechen wir noch einmal über Eishockey. Sie haben auf den Zuschauerrängen im Jahr 2007 einen schwarzen Spieler des HC Lugano als «negro» bezeichnet. Wie erklären Sie diesen Ausrutscher bei den Anhörungen der Bundeshausfraktionen?

Gobbi: Es handelt sich um eine Jugendsünde, die ich bereue und für dich ich mich schon mindestens 1000 Mal entschuldigt habe, zuerst beim Spieler selber und danach bei den Verantwortlichen des HC Lugano. Ich habe daraus meine Lehren gezogen und halte gleichzeitig fest, dass ich deswegen nie angeklagt oder verurteilt wurde.

“Bin nicht stramm auf SVP-Linie”

“Bin nicht stramm auf SVP-Linie”

Da San Galler Tagblatt – Gerhard Lob

Der Tessiner Lega-Regierungsrat Norman Gobbi ist offizieller SVP-Bundesratskandidat. Er sieht sich als Brückenbauer zwischen den Landesteilen. Auf Jugendsünden angesprochen, sagt er: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.»

Vor einer Woche wurden Sie von der SVP als offizieller Bundesratskandidat nominiert. Was treibt Sie persönlich an, dieses hohe Amt anzustreben?
Norman Gobbi: Als Kandidat und Vertreter der italienischen Schweiz auf dem Dreierticket sehe ich mich in einer Scharnierfunktion für die Landesteile. Das ist wichtig. Ich will ein Brückenbauer sein – innerhalb der Schweiz zwischen den Sprachregionen und mit unsern Nachbarländern, insbesondere mit Italien.

Eine Reihe von Kommentatoren sprechen von einer Alibi-Kandidatur aus der italienischen Schweiz,zumal sie erst vor wenigen Tagen der SVP beigetreten sind.
Gobbi: Ich sehe mich nicht als Alibi-Kandidat. Das Tessin ist auch kein Alibi-Kanton, sondern vollwertiges Mitglied der Eidgenossenschaft. Die italienische Schweiz ist seit 16 Jahren nicht mehr in der Landesregierung vertreten. Daher würde meine Wahl die nationale Kohäsion stärken. Und in der Verfassung steht, dass die verschiedenen Landesteile in der Landesregierung angemessen vertreten sein sollen.

Aber es reicht ja wohl nicht, einfach Tessiner zu sein, um Bundesrat zu werden?
Gobbi: Ich bringe auch meine Person und politische Erfahrung als Gemeinde-, Kantons-, National- und Regierungsrat mit ein. Ich bin in interkantonalen Gremien tätig. Ich verfüge über Sachkenntnisse in Sicherheits-, Migrations- und Integrationsfragen und führe als aktueller Regierungspräsident der Repubblica e Cantone Ticino 1500 Mitarbeitende.

Ihr Verhalten aus dem Jahr 2007 sorgte für Schlagzeilen, als Sie einen schwarzen Eishockeyspieler des HC Lugano als «negro» bezeichneten und dafür gebüsst wurden.
Gobbi: Ich stehe zu meinen Jugendsünden und ich bin nicht stolz darauf. Ich habe mich auch entschuldigt. Aber schon in der Bibel steht: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.» Dieses Gebot hat man bei früheren Bundesräten mit Jugendsünden manchmal auch berücksichtigt und ist gut gefahren damit.

Sie sprechen von Jugendsünden. Doch Sie waren damals 30 Jahre alt und bereits Grossrat.
Gobbi Aus Fehlern lernt man. Heute bin ich Regierungsmitglied. Das Amt prägt und verändert. Mit Jugendsünden meine ich, wenn man erstmals etwas falsch macht. Heute bin ich in der Sache auch hart, aber stets mit Respekt.

Sie präsentierten sich als Brückenbauer. Doch Ihre Mutterpartei – die Lega – forderte wiederholt, Mauern zu bauen, insbesondere an der Grenze nach Italien. Wie geht das zusammen?
Gobbi: Man muss auch sehen, dass die Lega die einzige Partei war, die grenzüberschreitende Kontakte pflegte. Aber hier antworte ich heute als Norman Gobbi, als SVP-Bundesratskandidat, nicht als Lega. Ich bin Italien politisch gegenüber kritisch, aber in Sachen Sicherheit strebe ich eine enge Zusammenarbeit an.

Sie selbst haben dieses Jahr gefordert, die Grenzen zu schliessen und die Verhandlungen in Steuerfragen mit Italien abzubrechen. Das tönt nicht nach Brücken.
Gobbi: Die Einführung von Grenzkontrollen forderte ich im Juni dieses Jahres, als Italien darauf verzichtete, das Dubliner-Abkommen anzuwenden, indem nur noch jeder dritte Migrant erfasst wurde.

Die von Ihnen eingeführten Massnahmen für Grenzgänger und Aufenthaltsbewilligungen haben viel Staub aufgewirbelt und auch zu Kritik aus Bern geführt. Diese Woche nun wurde eine Massnahme zurückgenommen. Grenzgänger müssen kein Zertifikat über laufende Verfahren mehr bringen. Ist das ein taktisches Manöver vor der Wahl?
Gobbi: Nein, das ist ein Regierungsentscheid, um die Steuerverhandlungen mit Italien nicht zu blockieren. Aber die Pflicht, einen Strafregisterauszug für Bund G-Bewilligungen vorzuweisen, wird beibehalten. Daran werde ich nicht rütteln.

Die SP meint, es seien nur Kandidaten wählbar, die sich eindeutig zur europäischen Menschenrechtskommission bekennen. Tun Sie das?
Gobbi: Man kann gar nicht gegen Menschenrechte sein. Wenn man sie aber zu weit fasst, dann werden sie zahnlos und verlieren ihre Wirkung.

Unterstützen Sie die SVP-Initiative «Schweizer Recht statt fremde Richter»?
Gobbi: Die Selbstbestimmungs- Initiative der SVP stellt das Völkerrecht nicht in Frage. Sie will nur den schleichenden Souveränitätsverlust bremsen, der in einem immer engeren Netz von Abkommen, Verträgen und Nachvollzug entsteht und unsere Freiheit und die direkte Demokratie einschränkt.

Sie sind Lega-Regierungsrat, aber SVP-Kandidat. Kann man gleichzeitig zwei Parteihemden tragen?
Gobbi: Ich bin dankbar und freue mich, dass mich die SVP auf ihr Ticket genommen hat, obwohl ich nicht stramm auf ihrer Linie politisiere. Uns verbinden aber die gemeinsamen Werte, allen voran die Freiheit